Schloesser caricatura klein

Ein Besuch bei der Sommerakademie für Komische Kunst in Kassel, wo Profis wie Klaus Stuttmann, Kittyhawk und Jacques Tilly dem zeichnerischen Nachwuchs zeigen, warum Humor eine verdammt ernste Angelegenheit ist. Ein Selbstversuch.

Von Manfred Schlösser

„So ein Witz, der muss voll auf die zwölf gehen.“ Wenn Jacques Tilly spricht, herrscht im Südflügel des Kasseler Kulturbahnhofs konzentrierte Stille. Wer glaubt, dass in der Welt des feinen und groben Strichs permanente Heiterkeit regiert, irrt gewaltig. Geht es um professionelle Satire, verstehen Cartoonisten traditionell keinen Spaß. Tilly muss es wissen. Der Großmeister des anarchischen Karnevalswagens hat sich mit seinen politischen Plastiken nicht nur Freunde gemacht, eine Vorladung wegen mutmaßlicher Präsidentenbeleidigung aus Moskau inklusive. „Mein globaler Reiseradius hat sich dadurch etwas verkleinert“, gesteht er nicht ohne einen Hauch von Stolz.
Tilly ist in diesem Jahr einer der prominenten Gastreferenten der Sommerakademie für Komische Kunst der Caricatura. Zwanzig ausgewählte Teilnehmerinnen und Teilnehmer sitzen an den Zeichentischen des Kulturzentrums, um von zwei absoluten Institutionen des deutschen Cartoons in die Geheimrezepte des Erfolgs eingeweiht zu werden: Klaus Stuttmann und Christiane Lokar, in der Szene besser bekannt als Kittyhawk. Ein straffes Wochenprogramm wartet auf die Klasse. Im Zentrum stehen die fünf großen „W“ der satirischen Pflichtlektüre: Das Wie, Was, Wann, Warum und für Wen.

Der Redaktionsschluss als Taktgeber
„Ich bin froh, wenn ich pro Tag eine gute Idee habe, die ich zeichnerisch umsetzen kann“, gibt Klaus Stuttmann offen Einblick in das Handwerk. Seit Jahrzehnten beliefert er die deutschsprachige Zeitungslandschaft mit treffsicheren Kommentaren zum Zeitgeschehen und schont sich dabei selten selbst. Die Arbeit bis tief in die Nacht gehört dazu; der Redaktionsschluss ist der unerbittliche Taktgeber seines Lebens. Die technische Evolution hat er komplett mitgemacht: „Seit über zwanzig Jahren bin ich nun schon digital unterwegs. Vorher habe ich meine Zeichnungen noch gefaxt, einmal sogar aus dem Büro einer Bäckerei in einem kleinen Dorf in Norwegen. Hat auch funktioniert.“
Stuttmanns wichtigstes Credo lautet: Unmittelbarkeit. „Ein Cartoon muss sofort zünden. Wenn es Erklärungsbedarf gibt, heißt es gnadenlos: zurück ans Zeichenbrett.“ Doch was tun, wenn die kreative Blockade droht? Hier springt Christiane Lokar mit einem pragmatischen Kniff ein, dem Griff in die sprichwörtliche Trickkiste. Konkret bedeutet das: Eine Box voller Zettel mit zufälligen Begriffen. „Man zieht zwei davon und versucht, sie in Beziehung oder in einen Widerspruch zum eigentlichen Hauptthema zu setzen“, erklärt Lokar. Das Ziel dieser Denksportaufgabe ist die mündige Leserschaft. Der Witz entfaltet seine größte Kraft dann, wenn die Pointe selbstständig entdeckt wird, ein biochemisches Fest für das Belohnungssystem im Gehirn.

KI-Schreck mit Bügelfalte
Trotz aller Experimentierfreude gibt es ethische Leitlinien, die in Kassel nicht verhandelt werden. Bei der allmorgendlichen Presseschau und der Analyse der Welt- und Lokalpolitik herrscht schnell Konsens: Witze auf Kosten von Katastrophenopfern sind ein absolutes No-Go. Die Realität liefert ohnehin genügend Stoff; der Nachrichtenstrom reißt nicht ab und füttert die Skizzenblöcke unaufhörlich.
Dass die Messlatte hoch liegt, zeigt auch der Besuch von Anette Dowideit und Stephan Rürup vom Investigativ-Netzwerk Correctiv. Sie sind nicht nur zum Reden gekommen, sondern suchen konkret nach zeichnerischem Nachwuchs, ein handfester Wettbewerb inklusive. Rürup, eine imposante Erscheinung im ungewöhnlichen Look mit Zottelbart und akkurater dunkelblauer Bügelfaltenhose, konfrontiert die Runde direkt mit einem der drängendsten Themen der Kreativbranche: „Hurra, die KI arbeitet für uns“. Es geht um den digitalen Wandel, um Algorithmen und die Angst vor dem Jobverlust. Die Aufgabe steht, die Deadline ist eng: Bis Donnerstagmittag müsst ihr geliefert haben, heißt es.
„Wir treffen uns in einer Stunde zur Besprechung“, ruft Kittyhawk in den Raum. Das anfängliche Raunen weicht schnell produktiver Betriebsamkeit. Gelächter, Getuschel und leises Gepruste erfüllen den Saal. Unter den Augen der Dozenten schwindet die Scheu der Teilnehmenden spürbar. Lokar und Stuttmann erweisen sich dabei als nahbare Vollprofis: Sie urteilen schnell, geben präzise handwerkliche Ratschläge, benennen Schwachstellen ohne Umschweife und nehmen sich dennoch für jeden Einzelnen viel Zeit.

Siegerehrung im Kulturbahnhof
Dass ein solch intensives Seminar reibungslos über die Bühne geht, verdankt die Akademie dem Organisationsteam um Saskia Wagner. Zusammen mit ihren Assistenten Flo und Sira hält sie im Hintergrund die Fäden zusammen. Selbst von vergangenen Fast-Katastrophen berichtet sie mit stoischer Gelassenheit. Etwa von jenem Tag vor einigen Jahren, als eine Restaurant-Reservierung für die mehr als zwanzigköpfige hungrige Truppe im digitalen Nirvana verschwand und man plötzlich vor ratlosem Personal stand. „In solchen Momenten gilt es einfach, Ruhe zu bewahren und schnell umzuplanen“, sagt Wagner.
Am Ende der Woche ist der Stress vergessen. Zum traditionellen Abschluss wird gemeinsam gegrillt, Urkunden werden verteilt, und ein bisschen Hollywood-Atmosphäre zieht durch den Kulturbahnhof. Mit einer perfekt inszenierten Kunstpause verkündet Saskia Wagner das Ergebnis des Correctiv-Wettbewerbs: „… And the winner is: Florian Scheuerer aus München.“
Unter großem Applaus nimmt der sichtlich überraschte Gewinner die Auszeichnung entgegen. Als die Teilnehmer am Ende der intensiven Tage zusammenkommen, um Bilanz zu ziehen, löst sich die kreative Anspannung endgültig auf. Das kollektive Fazit bricht mit der anfänglichen Ernsthaftigkeit und bringt das Wesen der Komischen Kunst auf den Punkt: „Doch, wir sind doch hier zum Spaß!“

Der Autor ist selbst Schnellzeichner und war Teilnehmer des Workshops. Er ist Mitglied der Cartoonlobby e.V.


Hintergrund: Die Caricatura in Kassel

Das Zentrum: Die Caricatura, Galerie für Komische Kunst im Kasseler Kulturbahnhof, ist eine der bundesweit wichtigsten Institutionen für visuelle Satire, Karikatur und Cartoon. Sie präsentiert fast zwanzig Jahren ganzjährig Ausstellungen namhafter Künstlerinnen und Künstler.

Die Akademie: Die Sommerakademie für Komische Kunst ist das bundesweit einzige Projekt zur gezielten Ausbildung und Förderung des zeichnerischen Satirenachwuchses. Sie wird von der Caricatura Galerie in Kooperation mit verschiedenen Partnern wie der Titanic veranstaltet.

Das Ziel: In einer Woche vermitteln renommierte Profis aus der Praxis handwerkliche Kniffe, Ideenfindung und ethische Grenzen der Satire.

Informationen: www.caricatura.de