
PM der Veranstalter
Max und Moritz-Preis 2026 in acht Kategorien vergeben
Am Abend des 5. Juni wurden im Erlanger Markgrafentheater die Max und Moritz-Preise 2026 vergeben. Der Max und Moritz-Preis, von der Stadt Erlangen im Rahmen des alle zwei Jahre stattfindenden Internationalen Comic-Salons verliehen, gilt als wichtigste Auszeichnung für Comic-Kunst und grafische Literatur im deutschsprachigen Raum. Im Vorfeld der Preisverleihung war eine Liste mit 25 von der Jury nominierten Titel bekannt gegeben worden.
Die Preisträger:
Bester deutschsprachiger Comic-Künstler: Franz Suess
Bester deutschsprachiger Comic: „Der verkehrte Himmel“ von Mikael Ross
Bester internationaler Comic: „In den trüben Gewässern Istanbuls“ von Özge Samancı
Bester Sachcomic: „Die Frau als Mensch“ von Ulli Lust
Bester Comic für Kinder: „Der Zahn“ von Ayşe Klinge
Bestes deutschsprachiges Comic-Debüt: „Fleischeslust“ von Martin Oesch
Spezialpreis der Jury: Andreas C. Knigge
Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk: Posy Simmonds
Der Preis für den Besten Sachcomic geht an „Die Frau als Mensch“ von Ulli Lust (Reprodukt), als Bes-ter deutschsprachiger Comic wird „Der verkehrte Himmel“ von Mikael Ross (avant-verlag) ausgezeich-net, der Beste internationale Comic ist „In den trüben Gewässern Istanbuls“ von Özge Samancı (Übersetzung: Silv Bannenberg, Helvetiq). Mit besonderer Spannung wurde erwartet, wer Bester deutschsprachiger Comic-Künstler*in (dotiert mit 10.000,– Euro) wird. In dieser Kategorie wurde Franz Suess (aktuell: „Jakob Neyder“, avant-verlag) ausgezeichnet. Der Max und Moritz-Preis für den Besten Comic für Kinder geht in diesem Jahr an „Der Zahn“ von Ayşe Klinge (Kibitz), der Preis für das Beste deutschsprachige Comic-Debüt an „Fleischeslust“ von Martin Oesch (Edition Moderne). Darüber hinaus wurde mit „Abgang“ von Lina Brazerol eine herausragende Publikation aus dem Hochschulbereich mit einer Einladung zum renommierten Internationalen Comic-Seminar Erlangen gewürdigt. Der Paul-De-rouet-Förderpreis erinnert daher an den Gründer des Comic-Seminars, der Ende Mai verstorben ist.
Mit dem Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk wurde – wie schon im Vorfeld der Preisverleihung bekannt gegeben – die britische Künstlerin Posy Simmonds geehrt, den Spezialpreis der Jury er-hielt der Publizist Andreas C. Knigge für seine herausragenden Verdienste um die Comic-Kunst in Deutschland. Die Max und Moritz-Gala wurde vom Schweizer Journalisten und Comic-Experten Christian Gasser moderiert. Eva Linhart, Bürgermeisterin der Stadt Erlangen, überreichte die Auszeichnungen in den verschiedenen Kategorien.
Der Jury für den Max und Moritz-Preis gehören in diesem Jahr an: Catherine Bazabas (Eigentümerin Co-micbuchhandlung Petit Kami, Hamburg), Christian Gasser (Kulturwissenschaftler und Autor,
Luzern), Andrea Heinze (Journalistin, Berlin), Katinka Kornacker (Geschäftsführerin COMIX – Co-micbuchhandlung Hannover), Isabel Kreitz (Comic-Zeichnerin, Hamburg), Christine Vogt (Leiterin der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen) und Bodo Birk (Leiter des Internationalen Comic-Salons Erlangen).
Die DATEV eG ist im Jahr 2026 zum sechsten Mal Titelsponsor des Internationalen Comic-Salons Erlangen. Als IT-Dienstleister für Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte sowie deren Mandanten wie z. B. mittelständische Unternehmen und kommunale Verwaltungen, gehört die Genossenschaft zu den größten Arbeitgebern der Metropolregion Nürnberg und gleichzeitig zu den wichtigsten Softwarehäu-sern Europas.
Max und Moritz-Preis 2026 Laudationes
Bester deutschsprachiger Comic-Künstler Franz Suess
Die Menschen in seinen Comics treffen falsche Entscheidungen, nutzen Chancen nicht oder haben einfach nur Pech. Im Einzelnen hat das vermutlich jeder schon mal erlebt. Aber Franz Suess verdichtet die Misserfolge seiner Protagonist*innen und zeichnet deren Umwelt voller Tristesse und ohne Entwicklungschancen. Er schaut dahin, wo üblicherweise der Blick abgewendet wird.
Franz Suess wurde 1961 in Linz geboren und studierte dort Malerei und Illustration. Sein künstlerisches Schaffen ist vielfältig: Fotografie und Plastiken gehören genauso dazu, wie satirische Collagen für die Internetplattform „Raketa“. Zum Comic kam er erst im Alter von 50 Jahren und nannte sein erstes Buch nach dem Wiener Stadtteil, in dem er inzwischen lebt: „1160 Ottakring“. Dort trifft eine Kunstszene auf Arbeiter- und Villenviertel. Ottakring ist der Ort, der immer wieder zum Schauplatz der Comics von Franz Suess wird.
Die Menschen in den Comics von Franz Suess stehen unter Druck. Weil sie in einem Anfall von Wut gewalttätig werden wie in „Jakob Neyder“. Weil die Mutter sich verschuldet, um dem Sohn eine Aufnahmeprüfung an der Musicalschule zu ermöglichen wie in „Muttermal“. Oder weil sie einsam sind und Liebe suchen, wie in so vielen Geschichten von Franz Suess. Dass die Protagonist*innen immer wieder scheitern, liegt auch daran, dass es zu viele Herausforderungen gibt: Geldnot gehört genauso dazu wie selbstsüchtige Mütter, gleichgültige Mitmenschen oder sexuelle Identitäten, die nicht Mainstream sind.
Franz Suess seziert das Leben seiner Protagonistinnen mit feinem, messerscharfem Bleistiftstrich. Mitunter wirkt das, als würden die Portraitierten vom scharfen Strich verletzt oder deformiert. Dann wieder sind sie so diffus gezeichnet, dass sie kaum zu greifen sind. Es wirkt, als wolle Franz Suess die Vielschichtigkeit seiner Protagonistinnen aufzeigen. Das zeigt sich auch im fein austarierten Bildaufbau, in dem etwa die Gesichter von Mutter und Sohn zu einem verschmelzen. Die Frage nach Identität diskutiert Franz Suess nicht nur in der Story sondern auch in den Zeichnungen.
Bunt sind die Comics von Franz Suess selten. Die Sommerhausszenen aus „Jakob Neyder“ sind eine Ausnahme – so farbenfroh, dass sie hoffen lassen. Eine Hoffnung, die schnell ins Gegenteil kippt. Denn auch „Jakob Neyder“ ist ein Mosaikstein. Eine der vielen gescheiterten Menschen, die im Gesamtwerk von Franz Suess zum Porträt einer Klasse werden, die wegen ständiger Überforderungen kaum Aufstiegschancen hat.
(Andrea Heinze)
Spezialpreis der Jury Andreas C. Knigge
Mit dem Spezialpreis der Jury zeichnen wir heute Abend eine Persönlichkeit aus, die wie keine andere deutsche Comic-Geschichte geschrieben hat – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Als in den 60er
Jahren Comics in Deutschland noch als Schund verachtet wurden, entdeckte ein Junge in Hannover Do-nald Duck und Carl Barks, Hergé und Tim und Struppi. Und er stellte fest, es gibt bessere und schlech-tere Geschichten, deshalb veröffentlichte er in der Schülerzeitung seine ersten Comic-Kritiken.
1974, mit 17 Jahren, gründete er mit René Lehner und Thilo Rex die legendäre Zeitschrift Comixene und begründete damit eine deutsche Comic-Kritik. 1983 heuerte er als Lektor beim Carlsen Verlag an, zwei Jahre später wurde er Chef-Lektor. Unter seiner Leitung entwickelte sich Carlsen Comics zur erfolgreichs-ten Sparte des bislang auf Kinderbücher konzentrierten Verlags. Andreas pflegte die frankobelgische Bande dessinée, lancierte die Renaissance der Superhelden und veröffentlichte die ersten Mangas. Eine wichtige Rolle spielten auch deutsche Zeichner*innen, die von ihm gefördert wurden, Matthias Schultheiss, Ralf König, Isabel Kreitz, um nur wenige zu nennen.
Nach seinem Ausscheiden bei Carlsen 1998 wurde Andreas C. Knigge zum wichtigsten Experten und Publizisten in Sachen grafische Literatur. Zahlreiche Werke der Sekundärliteratur stammen aus seiner Feder, kaum ein Lexikon kam und kommt ohne seine Beiträge aus. Knigge kuratierte wichtige Ausstellun-gen und managte großartige Künstler*innen. Die Comic-Branche verdankt Andreas C. Knigge wie kaum einer anderen Persönlichkeit, dass Comics in Deutschland als Kunstform ernst genommen werden. Das alles sind unglaubliche historische Verdienste.
Ausgezeichnet wird aber ein ganz besonderer Mensch, der bis heute neugierig und offen für alles ist, was sich in der Comicszene tut. Der nie von „guten alten Zeiten“ spricht, der seine Verdienste nicht in den Vordergrund stellt, der sich für junge Künstlerinnen interessiert. In der Jury des Max und Moritz-Preises, der er von 2008 bis 2024 angehörte, konnten sich seine Mit-Jurorinnen ein lebhaftes Bild davon machen. Wir danken heute Andreas C. Knigge mit einem Spezialpreis der Jury für seine Lebensleistung in Sachen Neunte Kunst!
(Bodo Birk)

Copyright: Posy Simmonds / Reprodukt
Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk Posy Simmonds
Posy Simmonds (*1945) ist die Grande Dame der britischen Comicszene – und doch alles andere als eine typische Comicautorin. Ihre erste Graphic Novel „Gemma Bovery“ veröffentlichte sie erst 1999. Da hatte sie bereits eine lange und überaus erfolgreiche Karriere als Kinderbuchautorin, Cartoonistin und Co-micstrip-Zeichnerin hinter sich.
Sie arbeitete ab 1968 zunächst als Cartoonistin und Illustratorin für Publikationen wie The Sun, The Times und Cosmopolitan, ehe sie in der Mitte der 1970er-Jahre zur Tageszeitung The Guardian stieß, mit der sie bis heute verbunden ist. Dort veröffentlichte sie ab 1977 den täglichen Comicstrip „The Silent Three of St Botolph's“, in welchem Simmonds den Alltag dreier Freundinnen mittleren Alters beobachtete und die britische Mittelklasse auf die Schippe nahm.
Den internationalen Durchbruch erlebte Posy Simmonds mit drei literarisch grundierten Graphic Novels, in deren Mittelpunkt eigenwillige Frauen stehen: „Gemma Bovery“ (1999, deutsche Veröffentlichung 2011) ist eine Aktualisierung von Flauberts „Madame Bovary“, „Tamara Drewe“ (2007, deutsche Veröffentlichung 2010) lehnt sich an Thomas Hardys „Am grünen Ende der Welt“ an und „Cassandra Darke“ (2018, deutsche Veröffentlichung 2019) spielt mit Verweisen auf Charles Dickens.
Simmonds sehr britischer, feiner und zugleich fieser Humor durchwirkt auch ihre Graphic Novels: Treffsicher verspottet sie die Unzulänglichkeiten, die Träume und die Erbärmlichkeit von Mittelklasse, Kunstschickeria, Social-Media-Prominenz, sie entlarvt Mittelmaß, Heuchelei, Gier und Selbstlügen und karikiert aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen. Auffällig ist die psychologische Raffinesse ihrer Figurenzeichnung. Mit elegantem und plastischem Federstrich überzeichnet sie ihre Figuren subtil und fängt ihre Mimik und Körpersprache so genau ein, dass wir mehr über sie erfahren, als sie uns preisgeben möchten.
Beeindruckend ist auch, wie virtuos Posy Simmonds große Figurenensembles, mehrere Erzählperspektiven und in gewissen Fällen auch Zeitebenen verknüpft. Um der Komplexität der Story und ihrer Figuren gerecht zu werden, verbindet Simmonds Text und Bild anders als im klassischen Comic: Zwischen Bildfolgen stellt sie erzählende Textpassagen; neben Dialogen und Monologen arbeitet sie auch mit E-Mails und SMS und baut Zeitungsartikel und Internetseiten ein.
Mit ihren grafischen Romanen erweiterte Posy Simmonds den Spielraum und die Subtilität der Graphic Novel und etablierte sich als eine der modernsten und raffiniertesten zeitgenössischen Comicautorinnen.
(Christian Gasser)
Comics in deutscher Sprache (Auswahl):
Tamara Drewe (Übersetzung: Uli Pröfrock). Reprodukt, Berlin 2010
Gemma Bovery (Übersetzung: Annette von der Weppen). Reprodukt, Berlin 2011
Cassandra Darke (Übersetzung: Sven Scheer). Reprodukt, Berlin 2019
Fred (Neuausgabe; Übersetzung: Annette von der Weppen). Reprodukt. Berlin, Juli 2026
Kinderbücher in deutscher Sprache (Auswahl):
Lulu und die fliegenden Babys (Übersetzung: Erica Ruetz). Diogenes, Zürich 1990
Schokoladenhochzeit (Übersetzung: Erica Ruetz). Diogenes, Zürich 1991
Fred (Übersetzung: Christina Diaz). Diogenes, Zürich 1994
Polly, Jack und der Büffel (Übersetzung: Erica Ruetz). Diogenes, Zürich 1996
Das Bibber-ABC (Übersetzung: Erica Ruetz und Winfried Stephan). Diogenes, Zürich 1997
Die Katze des Bäckers (Übersetzung: Erica Ruetz). Diogenes, Zürich 2004
Preise und Auszeichnungen (Auswahl):
1980 – Cartoonist of the Year 1982 – Cartoonist of the Year
1998 – National Art Library Illustration Award
2002 – Ernennung zum Member of the British Empire
2009 – Prix de la critique du festival d'Angoulême für „Tamara Drewe” 2024 – Grand Prix de la Ville d’Angoulême für ihr Lebenswerk
2026 – Max und Moritz-Preis für ein herausragendes Lebenswerk
Bester deutschsprachiger Comic Der verkehrte Himmel von Mikael Ross (avant-verlag)
Es geht um einen abgetrennten Finger – um eine vietnamesische Frau, die Opfer von Menschenhändlern geworden ist. Und es geht um drei Teenager aus Berlin Lichtenberg, die in diese Verbrechen hineingezogen werden. Mikael Ross ist für seine gut recherchierten Milieustudien bekannt. „Der verkehrte Himmel“ ist anders und trotzdem typisch. Denn der Comic ist zwar reine Fiktion – die Elemente dieses Krimis aber sind Realität. Das Leben der Lichtenberger Teenager, deren Eltern oft aus Vietnam eingewandert sind, kennt Ross zum Beispiel von Schulprojekten. Dies ist Ross erster Comic, der vom Manga inspiriert ist.
Entsprechend rasant zerlegt er Rollschuhszenen und Verfolgungsjagden in einzelne Bilder. Und er geht virtuos mit wenig Farbe um: nur ein einziges Mal versieht Ross die Gesichter seiner schwarz-weißen Zeichnungen so fein mit einem zarten rot, dass es sich beim Lesen anfühlt, als würde man selbst erröten. Entstanden ist ein vielschichtiger Comic, in dem die Menschen mit ungeheurem Respekt gezeichnet werden und der zugleich lustig und spannend ist.
Bester internationaler Comic
In den trüben Gewässern Istanbuls von Özge Samancı. Übersetzung: Silv Bannenberg (Helvetiq)
„In den trüben Gewässern Istanbuls“ ist nie genau das, was es zu sein vorgibt. Ece und Meltem sind zwei Studentinnen und Hobbytaucherinnen, die im Istanbul von 1995 ihre Armut und einen miefigen Schlafsaal teilen und tief im Bosporus einen roten Cadillac samt Frauenleiche entdecken. Dann geht alles Schlag auf Schlag: Die beiden werden von Gangstern und Politikern umworben und bedroht; sie wittern die Chance auf das schnelle Geld; die Wahlen in Istanbul rücken näher und damit auch Korruption, religiöse Manipulation und Frauenfeindlichkeit; Ece deckt die Lüge ihrer Kindheit auf – und schließlich stehen beide vor einem großen ethischen Dilemma ... Immer, wenn man glaubt, die Geschichte zu durchschauen, schlägt Özge Samancı, eine in den USA lebende türkische Künstlerin, den nächsten Haken: Komödie, Krimi, Politthriller, Religionskritik, Satire, Gesellschaftskommentar, Familiendrama – „In den trüben Gewässern Istanbuls“ ist alles und noch viel mehr, immer rasant und begeisternd, todernst und aberwitzig, mit Tiefgang und Substanz.
Bester Sachcomic Die Frau als Mensch von Ulli Lust (Reprodukt)
Im ersten Band von „Die Frau als Mensch“ räumt Ulli Lust mit den landläufigen Geschlechterklischees der Frühgeschichte der Menschheit auf und zeichnet eine egalitäre Frühgesellschaft. Das entspricht dem Stand der Wissenschaft. Im zweiten Band „Schamaninnen“ zeigt sie, wie sehr das körperliche Leben auf der Erde und die Geisterwelt in der Vorstellung der Menschen damals zusammenhingen. Ulli Lust kommt ins Erzählen und zeichnet eine Gruppe von Menschen, wie sie in der Frühgesellschaft gelebt haben könnte: mit den Herausforderungen der Nahrungssuche, der Weitergabe von Wissen und wie damals lebensbedrohliche Wunden behandelt wurden. Auch diesmal wird sie für ihre präzisen Darstellungen von der Fachwelt gelobt. Auch weil sie immer wieder deutlich macht, dass die Darstellungen eine Interpreta-tion der dünnen Datenlage sind. Selten wurde der Stand der Wissenschaft so leicht vermittelt, wie in „Die Frau als Mensch“ – weil Ulli Lust eine nachvollziehbare Erzählung schafft – und weil die Naturzeichnungen einfach nur schön sind.
Bester Comic für Kinder Der Zahn von Ayşe Klinge (Kibitz)
Gleich mehrere Themen werden in Ayşe Klinges ungewöhnlicher Vampir-Geschichte behandelt: Ausgrenzung von Andersartigkeit, Überwindung von Angst, der Verlust der ersten Zähne und Freundschaften, die die Veränderungen überstehen und daran wachsen. Mila hat Angst vor Vampiren und gerade Karla, mit der sie sich anfreundet, stellt sich als eine solche heraus. Der Verlust des ersten Zahnes bringt es an den Tag, ein neuer Fangzahn hat – zur Freude ihrer Eltern – den ersten Milchzahn herausfallen lassen. Nun gilt es, diese Entwicklung zu verstecken, was misslingt. Dass ihr durch die Nacht fliegender Vampir-Großvater nun auch noch mit ins Spiel kommt, ist ebenfalls wenig hilfreich, rettet aber am Ende die Situation. Karlas Angst vor der Vampir-Akademie löst sich schließlich auch auf und trotz räumlicher Trennung bleibt die Freundschaft bestehen. In humorvollen, manchmal skurrilen und lebhaften Bildern zeichnet Ayşe Klinge abwechslungsreich die aufeinander treffenden Welten.
Bestes deutschsprachiges Comic-Debüt Fleischeslust von Martin Oesch (Edition Moderne)
Eigentlich wäre Erwin alt genug für den Ruhestand, doch bringt er es nicht übers Herz, seine Quartiermetzgerei aufzugeben – nicht zuletzt, weil er keine Nachfolge findet. Die Zeiten ändern sich, die Menschen essen weniger Fleisch, im Trend liegen Tofu und Hafermilch, und Erwins Stolz auf sein Handwerk wirkt zunehmend aus der Zeit gefallen – Erwin stürzt in eine Sinnkrise. Comics über Metzger sind selten. Dass Martin Oesch eine Metzgerei als Schauplatz seiner ersten Graphic Novel wählt, ist allerdings nur folgerichtig: Vor seinem Illustrations-Studium machte er eine Metzgerlehre. Er kennt Erwins Welt und seine Sorgen also bestens. „Fleischeslust“ ist keine Abrechnung mit der Welt der Metzger und Fleischfresser, sondern eine melancholische Ballade über das Ende einer Zeit, über Umbrüche, die ein Erwin nicht mehr vollziehen kann. Oesch erzählt sie behutsam, mit Empathie, ohne Moral, in bunten Filzstiftzeichnungen, in denen vor allem die intensiven fleischlichen Rosatöne auffallen.
Max und Moritz-Preis 2026 Die 25 nominierten Titel in alphabetischer Reihenfolge
Ahmadjan und der Wiedehopf von Maren Amini. Carlsen
Bauchlandung. Geschichte einer Teenager-Schwangerschaft von Wanda Dufner. Edition Moderne
Blutsauger von André Breinbauer. Carlsen
Das Lied der Arktis von Jean-Paul Krassinsky und Bérengère Cournut (Übersetzung: Resel Rebiersch). Schreiber & Leser
Der süßeste Bruder der Welt ... und andere Irrtümer von Elin Lindell (Übersetzung: Katharina Erben). Klett Kinderbuch
Der verkehrte Himmel von Mikael Ross. avant-verlag
Der Weltraumpostbote. Panik im Postamt! von Guillaume Perreault (Übersetzung: Ulrich Pröfrock). Ro-topol
Der Zahn von Ayşe Klinge. Kibitz
Die Frau als Mensch von Ulli Lust. Reprodukt
Die große Verdrängung von Roberto Grossi (Übersetzung: Myriam Alfano). avant-verlag
Fleischeslust von Martin Oesch. Edition Moderne
Hackenporsche von Melanie Lüdtke. Schwarzer Turm
In den trüben Gewässern Istanbuls von Özge Samancı (Übersetzung: Silv Bannenberg). Helvetiq
Jakob Neyder von Franz Suess. avant-verlag
Kaputt von Alison Bechdel (Übersetzung: Katharina Erben). Reprodukt
Meine Geschichten von Mutter und Tochter von Katharina Greve. avant-verlag
Peri Meno von Rinah Lang. Carlsen
Red von Josephine Mark. Kibitz
Saloon. Das ist Familiensache von Mia Oberländer. Edition Moderne
Schweigen von Birgit Weyhe. avant-verlag
Shrimpie und ich von Moni Port und Claudia Weikert. Kibitz
Sonntag von Olivier Schrauwen (Übersetzung: Christoph Schuler). Edition Moderne / Colorama The Strange House von Uketsu und Kyo Ayano (Übersetzung: Claudia Peter). Panini Manga Unruhe von Sarah Hübner. Jaja Verlag
Zwei weibliche Halbakte von Luz (Übersetzung: Lilian Pithan). Reprodukt
Leseproben der nominierten Titel sowie Videos zu den einzelnen Nominierungen sind unter www.comic-salon.de/de/nominierungen verfügbar.
Wanderausstellung „Ausgezeichnet“
Seit 2014 gibt es für die Preisträgerinnen aus dem deutschsprachigen Raum eine eigens konzipierte Wanderausstellung, die in den zwei Jahren nach dem Comic-Salon auf Tour ist. Ziel der Ausstellung ist es, die Entstehung der prämierten Werke intuitiv nachvollziehbar zu präsentieren und dabei die Verbin-dung zu einem wichtigen Protagonisten dieses Mediums, Wilhelm Busch, aufzuzeigen. Dazu sind neben großformatigen Leseproben auch Originalseiten, Skizzen und Artefakte aus den Ateliers der Comic-Künstlerinnen zu sehen, die Einblick geben, in ihre sehr unterschiedlichen Arbeitsweisen.
Am Freitag, 9. Oktober 2026, um 19:00 Uhr wird die siebte Ausgabe der Wanderausstellung unter dem neuen Titel „Ausgezeichnet“ im Erika-Fuchs-Haus eröffnet. Die Ausstellung wird von Darjush Davar kuratiert und realisiert in Kooperation mit dem Kulturamt der Stadt Erlangen, der Erika-Fuchs-Stiftung und der Schmitz-Lippert-Stiftung.